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Der Tanz ums goldene Kalb
In Memoriam Hans Jürgen Müller
02.10.2009 - Brenner’s Parkhotel Baden-Baden
Der Baden-Badener Oberbürgermeister Wolfgang Gerstner eröffnete die VI. bilanzkulturbilanz vor ca. 50 teilnehmenden Personen, indem er das der Tagung vorausgestellte Wort des französischen Schriftstellers und Philosophen Jean-Paul-Sartre „Fortschritt ist das Werk der Unzufriedenheit“ übernahm und auf die Entwicklung der Stadt als ein Ort der kulturellen Vielfalt hinwies, die trotz klammer Kassen nicht zum Stillstand kommt.
In der Einführung zur Tagung wies der Politologe Leon Meyer-Vogelfänger, Gründer dieses zum sechsten Mal stattfindenden Unternehmer- und Kulturdialogs, den er gemeinsam mit seinem Partner, dem renommierten Markenberater und Kulturvermittler Gerd Modlich durchführte, auf die Besonderheit dieser Veranstaltung hin, die sich weder als ein Symposium noch als eine Managertagung, sondern als eine kulturelle Denkwerkstatt versteht.
„Fortschritt ist das Werk der Unzufriedenheit“
Unter der Annahme, dass dieser Gedanke auch heute noch Gültigkeit besitzt, erscheinen viele mit einer gewissen Larmoyanz geführten Standortdebatten und Reformdiskussionen urplötzlich in einem hoffnungsvollen Licht.
Das Leitbild der „bilanzkulturbilanz“ versucht sich nach diesem Licht auszurichten. Wir schaffen Dialoge zwischen Vertretern der Wirtschaft und präsentieren besondere kulturelle Projekte in Respekt und hoffentlich auf hohem Niveau in Baden-Baden.
Am 2. Oktober 09 enthüllten wir mit dem Künstler, Schriftsteller und Dichter Thomas Gehlhaar, einem Weltbürger, der einige Jahre in Frankreich und in London verbrachte und heute in Baden-Baden lebt (verwandt mit der Brenner-Familie, den Gründern des Brenner´s Park Hotels), ein Kunstwerk, welches nach zweijähriger Bauzeit nun erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt worden ist: „Archea“, ein Segelschiff, das an den Gedanken anknüpft, dass wir Teil einer universellen Unendlichkeit sind, welche wir ohne Wasser, Luft und ohne technische Hilfsmittel nicht verstehen können.
In diesem Zusammenhang steht nicht der Bekanntheitsgrad des Künstlers oder die prominente Organisation an erster Stelle, sondern die Kreativität, das Denken als Künstler, Unternehmer, Kritiker, Literat, Querdenkers. Dabei wissen wir, dass wir Fehler machen und keinen Anspruch auf die „Wahrheit“ im Sinne der conditio sine qua non haben. Dennoch soll eine Brücke zwischen avantgardistischen Kunstschaffenden und Unternehmern geschaffen werden, die mehr ist, als Larmoyanz über das Trennende, sondern gegenseitige Wertschöpfung ist.“
In der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise manifestiert sich eine eklatante Krise der Moral und des ästhetischen Bewusstseins. Sind denn Kultur und Ethik als Gegengewichte in ökonomische Entscheidungen integrierbar?
Im ersten Vortrag der VI. bilanzkulturbilanz ging Helga Müller dieser Frage nach. Sie führte im Gedenken an ihren im Mai verstorbenen Mann, den Kölner und Stuttgarter Galeristen, Mitbegründer der Art Cologne, Vordenker vieler bedeutender privater Kunstsammlungen von Weltruhm, die Kunst und die Ethik als heilsames Gegengewicht gegen den Marktüberhang ins Feld und mahnte an: „dem künstlerischen Denken seinen adäquaten Platz in der Gesellschaft einzuräumen, damit die Seele zum Klingen gebracht werde.“
Gemeinsam mit ca. 50 Künstlern und Kunsthandwerkern haben Helga und Hans-Jürgen Müller auf der Insel Teneriffa MARIPOSA gegründet, das Begegnungszentrum für ein neues Denken, welches vom Club of Budapest als eines der 10 weltbesten Projekte mit dem „Change the World Award“ ausgezeichnet wurde.
Zum Thema „Wie müssen sich Bildung und Wissen verändern?“ war der renommierte Philosoph und Rektor der Karlsruher Hochschule für Gestaltung (HfG), Peter Sloterdijk, eingeladen. Da er verhindert war, wurde er von Uwe Hochmuth, Prorektor der HfG, vertreten. Der Philosoph, Volkswirtschaftler und ehemaliger Kämmerer der Stadt Karlsruhe konstatierte, dass unser Defizit an Bildung sich proportional zur Wissensanhäufung verhalte und unser Wissen noch keine Bändigung durch Bildung erfahren habe. Im Gegenteil:
Die Parteien übergreifende politische Bildungsdebatte, ausgelöst durch die ökonomischen Probleme in der Welt, steht nach wie vor unter dem Vorzeichen einer konsumorientierten Wissensanhäufung. Der Wunsch nach mehr Bildung und eine höhere Kompetenz für das eigene Handeln sind auf diesem Wege so gut wie nicht erreichbar, so Uwe Hochmuth in seinem überaus wegweisenden Vortrag.
Unser politisches System, welches Wachstum die oberste Priorität einräumt, führt zu gesellschaftlichen Verwerfungen. Das war auch Thema des früheren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Professor Lothar Späth, der am Mittag eine höchst engagierte und systemkritische Rede hielt, die man so von ihm nicht gewohnt ist. Mit deutlichen Worten erläuterte er die Gründe, warum die Politik von der Wirtschaft überholt wurde und in vielen Bereichen das Heft des Handelns abgegeben hat. Zitat: „Stiftungen und gemeinnütziges Handeln können zu einem Schlüssel für die Gesellschaft werden, in der sich die Menschen zur Kunst und Muße hinwenden und sich aber auch von Gängelungen durch den Staat unabhängig machen können.“
Zusammenfassung:
Die Veranstaltung zeigte eine „Genese des Neuen“ als Maßstab des menschlichen Denkens. Vielleicht genießen Kreativität und Erfindungsreichtum in allen Lebensbereichen gerade durch die Krise des ästhetischen Bewusstseins eine hohe Wertschätzung. Dr. Norbert Copray, Gründer der Fairness Stiftung und Herausgeber der Zeitschrift „Publik Forum“ und Jörg Schallehn, Initiator der Vermögensakademie, gehen diesen Weg. Dr. Copray verleiht am 31.10.2009 im Rahmen des internationalen Fairness Forum 2009 den Deutschen Fairness Preis an den Präsidenten der CoreMedia Corp. USA, Sören Stamer. Jörg Schallehn, Partner der bilanzkulturbilanz, veranstaltet am 4./5. November im Hotel Adlon in Berlin ein Symposium zur Frage: „Wie macht man gutes Geld“. Vordenker zu diesem Thema ist Dr. Heiner Geißler, Prof. Dr. Thomas Druyen, Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn, Prof. Götz. W. Werner und Daniel Goeudevert.
Wozu dienen solche Veranstaltungen? Uns ist bewusst, dass alles, was Menschen tun, die eigenen Lebensbedingungen verändert. Dies ist einer der Gründe, warum altbewährte Strategien untauglich scheinen, wenn es darum geht, neue Herausforderungen zu bewältigen. Plötzlich greifen Konzepte, die über Jahrzehnte für Wohlergehen und eine befriedete Gesellschaft gesorgt haben, nicht mehr bei der Bewältigung der Probleme, die durch die rasante technische Entwicklung und das Hineinwachsen in einen globalen Kontext entstehen.
Wie Einstein sagt, können Probleme nicht mit denselben Methoden gelöst werden, die sie hervorgebracht haben. Neues Denken setzt zwar stets auch das Wissen um die Vergangenheit voraus, braucht aber in erster Linie Mut und Kreativität und die notwendige Offenheit mit Visionen der Zukunft.
Die bilanzkulturbilanz hat sich diese gesellschaftliche Herausforderung auf die Fahnen geschrieben und bietet dafür ein adäquates Forum für Begegnung und Diskussion.
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Leon Meyer-Vogelfänger
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Gerd Modlich |
Initiator und Vordenker der bilanzkulturbilanz
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Koordinator der bilanzkulturbilanz, Markenberater und Kulturvermittler |
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